Rendezvous 4056

Der Schwarze Peter lanciert ab Sommer 2021 ein neues Projekt für alle auf dem Dorfplatz des St. Johann-Quartiers

In den bis anhin leerstehenden Telefonkabinen neben dem Kiosk auf dem St. Johanns-Platz wird ein erweiterter Ort für soziale Kontakte entstehen. Das «Rendezvous 4056» ist als Begegnungsort geplant, an dem unkompliziert Zuwendung, Beratung und auf Wunsch auch Vermittlung weiterführender Hilfen angeboten werden wird. So verbinden wir eine neue Idee mit der seit jeher bestehenden Begegnungskultur des Kiosks.

Die leerstehenden Telefonkabinen werden zu einem kleinen Büro ausgebaut und der freie Platz neben dem Kiosk wird mit Sitzgelegenheiten zum Verweilen einladen.

Ob Menschen, die auf das Tram warten, BesucherInnen des Schwarzen Peter, Gäste im Boulevard-Café, QuartierbewohnerInnen, Ratsuchende, Kioskkundschaft oder eben ratsuchende Kioskkundschaft: Im «Rendezvous 4056» werden sich bald ganz unterschiedliche Menschen und gesellschaftliche Anspruchsgruppen begegnen und niemand wird wissen, aus welchem Grund die anderen da sind. Dies soll ermöglichen, dass alle das Angebot vorerst beobachten und zu einem selbst gewählten Zeitpunkt Kontakt auf- oder Beratung in Anspruch nehmen können.

Der Kioskbetreiber, der seine Kundschaft seit Jahren kennt, kann als Zuhörer und Vermittler Vertrauen schaffen und ist als wichtige Ressourcenperson von Anfang an Teil des Projekts gewesen. Das Team des Schwarzen Peter wird viermal wöchentlich im Büro anzutreffen sein und sich auch im Boulevard-Café unter die Leute mischen. Mit der Trägerschaft des Projekts durch den Schwarzen Peter wird dessen bisherige Klientel auf dem Dorfplatz des St. Johann-Quartiers in die Mitte der Gesellschaft gerückt, die breite Bevölkerung als Klientel neu dazugewonnen und damit ein Beitrag gegen soziale Ausgrenzung, Stigmatisierung und Sonderbehandlung geleistet.

Ziel des Projekts ist, dass die Inanspruchnahme von Hilfe selbstverständlicher wird. Wir schaffen im öffentlichen Raum ein Umfeld, das die Kontaktaufnahme, die Zuwendung, den Dialog und das sich Austauschen über Bedürfnisse und Ressourcen ermöglicht oder begünstigt. Und dies nicht «nur» mit uns SozialarbeiterInnen, sondern auch untereinander. In erster Linie geht es darum, dass Menschen Gehör finden und Kontaktmöglichkeiten haben. Gleichwohl sind alle willkommen, auch jene, die keinen Rat suchen und sich einfach eine Weile hinsetzen wollen. Im Boulevard-Café wird es keinen Konsumzwang und für die Beratungen keine Zutrittsbeschränkungen wie Altersgrenzen, Beratungen nur auf Termin oder Kostenbeiträge geben.

Im neuen Sozialarbeitsbüro bieten wir ein offenes Ohr in einem kleinen, geschützten Raum. Wir sind offen für sämtliche Themen und denkbaren Lebenslagen und bringen den Ratsuchenden eine wohlwollende Neugierde entgegen. Wir haben Internetzugang, einen Drucker und ein Telefon. Wir können zuhören, gemeinsam Situationen sortieren und mögliche Wege anschauen. All dies ist kostenlos und das Besprochene unterliegt der Schweigepflicht.

Das Interesse an der Kulturgeschichte des Kiosks führte uns zu Elisabeth Naumanns Buch «Kiosk. Entdeckungen an einem alltäglichen Ort. Vom Lustpavillon zum kleinen Konsumtempel». Darin nimmt die Autorin die Entstehung, Entwicklung und die Erscheinungsformen dieser bedeutenden Kleinstarchitektur unter die Lupe und rückt auch die Menschen in den Blick, die dieses «Strassenmöbel» betreiben oder besuchen. Die folgende Passage beschreibt den Kiosk als Begegnungsort:

«Der Kiosk ist offen für Viele und für Vieles – auch für Gegensätzliches. Er ist in der Lage, die unterschiedlichsten Erwartungen und Wünsche zu erfüllen: Man geht zu ihm, wenn man ihn braucht, lässt ihn links liegen, wenn man eine Alternative hat, kehrt reumütig zu ihm zurück, wenn nichts mehr läuft, man kann kommen und gehen, wie es einem beliebt. Der Kiosk ist der ideale ‚Beziehungspartner‘, denn ihm ist es völlig egal: ob du Mann bist oder Frau, welche Hautfarbe du hast, ob du alt bist oder jung, ob du reich bist oder arm, ob du gebildet bist oder nicht, ob du über gute Manieren verfügst oder dich von ihnen verabschiedet hast, ob du schön bist oder hässlich, ob du glücklich bist oder gerade deprimiert, ob du ‚verrückt‘ oder normal, treu oder nicht treu bist. Der Kiosk weist niemanden zurück, er nimmt dir nichts übel – mit einem Wort, er akzeptiert dich bedingungslos. Er kann dir ein verlässlicher Freund sein, ein guter Bekannter, ein sozialer Kontaktpunkt oder auch nur ein anonymer Aufenthaltsort. Er erlaubt dir die scheinbare Teilnahme an den unterschiedlichen Erlebniswelten, indem er die Illusion nährt, überall dabei zu sein. Er bietet einen vertrauten Fixpunkt in den Wirren des (Grossstadt-)Lebens. Ihn zu erreichen, erfordert wenig Anstrengung, er liegt überall ‚am Wege‘, er stellt keine Ansprüche und ermöglicht so eine Beziehungsqualität, die jedem und jeder die freie Entscheidung über Nähe und Distanz belässt. Alles in allem – der Kiosk ist eine facettenreiche Alltagserscheinung, ein wirklich bemerkenswerter, ein merkwürdiger Ort, – er ist es wert, bemerkt zu werden.“

Mit diesem Projekt macht der Schwarze Peter im Rahmen der Gassenarbeit einen Schritt in Richtung „Normalangebot“, nämlich für alle Menschen im öffentlichen Raum und ohne zwingenden Problembezug. Dieser Schritt entgegnet dem Phänomen der „getrennten Welten“. Im „Rendezvous 4056“ können Neugierde und offene Ohren verschiedenste Menschen zu- oder nebeneinander bringen. Und wer weiss, wer wem was bringt?